Wassersäule & Atmungsaktivität: Die Wahrheit hinter den Zahlen

Was 20.000 mm Wassersäule wirklich bedeuten, warum Atmungsaktivitäts-Werte oft irreführend sind und wie du beim Kauf nicht auf Marketing reinfällst.

von Patrik BaroeVeröffentlicht 1. Feb. 2026
Auf dieser Seite
  • Zahl 1: Wasserdichtigkeit (Die ehrliche Nummer)
  • Zahl 2: Atmungsaktivität (Das Chaos)
  • Die Maßeinheiten
  • Der Realitäts-Check: Normen-Dschungel
  • Fazit: Was zählt wirklich?
  • Quellen

Du stehst im Laden, Jacke in der Hand. Auf dem Schild steht stolz: "20k / 15k". Klingt technisch, klingt gut. Die erste Zahl sagt dir, wie dicht sie ist. Die zweite, wie gut sie atmet. Aber während die erste Zahl meist ehrlich ist, ist die zweite oft reines Marketing-Bingo. Hier ist der Guide, um die Zahlen wirklich zu verstehen.


Zahl 1: Wasserdichtigkeit (Die ehrliche Nummer)

Hier wird nicht geschummelt. Die Zahl gibt die Wassersäule in Millimetern an.

Der Test (ISO 811): Man spannt den Stoff unter eine Röhre und füllt Wasser rein. Wie hoch kann das Wasser stehen, bevor es durchtropft?

  • 5.000 mm: Hält leichtem Regen stand.
  • 10.000 mm: Dicht bei normalem Regen.
  • 20.000 mm+: Hält auch bei Sturm und Druck dicht.

Was du brauchst: Auf dem Motorrad reicht "dicht" nicht. Du sitzt (Druck auf den Hintern), der Wind drückt den Regen gegen die Brust (Staudruck), Rucksackgurte pressen auf die Schultern.

  • Unter 10.000 mm: Vergiss es für ernsthafte Touren.
  • Ab 15.000 - 20.000 mm: Das ist der Bereich, den du willst. Damit bleibst du auch trocken, wenn du bei 100 km/h in den Platzregen kommst.

Wichtig: Der beste Stoff bringt nichts, wenn die Nähte nicht versiegelt (getaped) sind. Wasser findet jeden Weg.


Zahl 2: Atmungsaktivität (Das Chaos)

Hier wird es wild. Die zweite Zahl soll sagen, wie viel Schweiß (Wasserdampf) von innen nach außen kommt. Meistens siehst du Werte wie 10.000 g/m²/24h (MVTR). Je höher, desto besser – theoretisch.

Das Problem: Es gibt keinen einheitlichen Teststandard.

  • Test A misst bei 38°C.
  • Test B misst bei 23°C.
  • Test C stellt den Becher auf den Kopf (Wasser berührt den Stoff).
  • Test D lässt Luft drüberblasen.

Ein und derselbe Stoff kann in Test A einen Wert von 5.000 haben und in Test C plötzlich 20.000. Rate mal, welchen Wert der Hersteller auf das Etikett druckt? Genau, den höchsten.

Die Maßeinheiten

  1. MVTR / WVTR (g/m²/24h): Wie viel Gramm Dampf pro Quadratmeter in 24 Stunden durchgehen.

    • Gut: ab 10.000
    • Sehr gut: ab 20.000
    • Problem: Wegen der verschiedenen Testmethoden kaum vergleichbar zwischen Marken.
  2. RET (Resistance to Evaporative Transfer): Misst den Widerstand. Hier gilt: Je niedriger, desto besser.

    • RET 0-6: Extrem atmungsaktiv (wie ein Netzhemd).
    • RET 6-13: Gut (Gore-Tex Standard).
    • RET 20+: Plastiktüte. Du wirst nass, aber von innen.
    • Vorteil: RET (ISO 11092) ist ein genormter, solider Test. Leider geben ihn wenige Hersteller an.

Der Realitäts-Check: Normen-Dschungel

Nur damit du siehst, wie absurd das ist – hier eine Auswahl der gängigen Tests, die alle unterschiedliche Ergebnisse liefern:

NormWas sie misstHaken an der Sache
ASTM E96 (USA)DampfdurchlassHat zig Unter-Methoden (A, B, BW...). Ohne Angabe der Methode wertlos.
JIS L 1099 (Japan)DampfdurchlassSehr beliebt in Asien. Methode B1 (invertierter Becher) liefert extrem hohe Zahlen, die toll aussehen.
ISO 11092 (Global)RET-WertDer fairste Test. Simuliert "schwitzende Haut". Leider selten auf Etiketten.
BS 7209 (UK)Index (%)Veraltet, liefert Prozentwerte, keine absoluten Zahlen.

Fazit: Was zählt wirklich?

Lass dich nicht von "40.000er Atmungsaktivität" blenden, wenn nicht dabei steht, wie gemessen wurde.

  1. Wassersäule: Achte auf mindestens 15.000 - 20.000 mm. Das ist eine verlässliche Bank.
  2. Atmungsaktivität:
    • Nimm die Zahlen als grobe Richtlinie, nicht als Gesetz.
    • RET-Werte sind glaubwürdiger als MVTR.
    • Belüftungsreißverschlüsse (Vents) schlagen jede Membran. Keine Membran der Welt schafft so viel Dampf weg wie ein offener 20cm-Reißverschluss unter dem Arm.

Pro-Tipp: Wenn eine Jacke keine mechanische Belüftung (Reißverschlüsse) hat und sich nur auf die "magische Membran" verlässt – kauf sie nicht für den Sporteinsatz. Du wirst darin schwitzen.


Quellen

  • ISO 811:2018 - Der Standard für Wasserdichtigkeit.
  • ISO 11092:2014 - Der "Sweating Guarded Hotplate" Test (RET).
  • ASTM E96 - Der amerikanische Standard-Wirrwarr.
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